Institut für Heilpädagogik

1. Sprecher

Dr. Götz Kaschubowski (Freie Hochschule Mannheim), Dr. Thomas Maschke (Kaspar-Hauser-Schule Überlingen)

2. Kurzbeschreibung

Die heilpädagogische Forschung blickt an der Freien Hochschule auf eine 20-jährige Arbeit zurück. Die Ergebnisse zur Dyskalkulie-Forschung veröffentlichte Prof. Dr. Schuberth in mehreren Buchbeiträgen. Eine Feldstudie aus den 1990er Jahren, die an der Johannesschule Bonn erstellt wurde, blieb ohne Veröffentlichung.

Seit 1994 beteiligt sich die Hochschule intensiv am Diskurs zwischen der anthroposophisch ausgerichteten Heilpädagogik und anderen Strömungen einer geisteswissenschaftlich oder eher sozialwissenschaftlich ausgerichteten Heil-, Sonder- oder Behindertenpädagogik. Eine erste Veröffentlichung erfolgte im Rahmen des Jahreskongresses (1998) des VDS (Verband Sonderpädagogik e.V.). Die Tagungsreihe Heilen und Erziehen mit ihren bisherigen zwölf Buchveröffentlichungen wird unsererseits als Kooperationspartner mitgestaltet.

Den vorläufigen Höhepunkt dieser Arbeit bildete das Kompendium für anthroposophische Heilpädagogik (2008), das im bedeutendsten deutschen Fachverlag für Sonderpädagogik erschien.

Die Arbeit gliedert sich in folgende Schwerpunkte:

3. Institutionelle Kooperationen

Im Rahmen der Tagungsreihe Heilen und Erziehen arbeitet das Institut zusammen mit:

Gegenseitige Besuche mit Studierenden und wechselseitige Vorlesungen und Seminare werden gepflegt, bzw. gerade angebahnt mit:

4. Arbeits- und Themenplan (Überblick)

Abbildung 1 gibt einen Überblick über die Projekte und Produkte (insbesondere Veröffentlichungen, Anträge usw.), die gegenwärtig laufen oder für den Zeitraum bis 2012 geplant sind. Graue Balken kennzeichnen hierbei Projektkontexte, das Karo-Symbol gibt jeweils an, wenn im Rahmen von Projekten Einzelprodukte (z. B. Publikationen, Einreichungsfähige Projektanträge usw.) entstehen sollen. Die einzelnen Vorhaben sind im folgenden Kapitel detaillierter beschrieben.

Abbildung 2: Arbeits- und Themenplan Institut für Heilpädagogik

5. Projekte und Arbeitsschwerpunkte

5.1 Dyskalkulie (1990-2008)

Untersuchungen zur Rechenschwäche gibt es seit mehr als 40 Jahren. Dabei trifft man auf eine Vielzahl von Erklärungsansätzen, die sich durchaus widersprechen. Ein wesentlicher Grund mag in der noch offenen Frage liegen, was die Mathematik eigentlich ist. Mit der Neuen Mathematik hat sich auf der Grundlage der Forschungen Piagets die Position durchgesetzt, dass mathematische Fähigkeiten in Abhängigkeit vom erlebenden Umgang mit der Welt der Mengen im Kind heranreifen. Die anthroposophisch-menschenkundliche Forschung befragt zudem die leiblichen Voraussetzungen, die die seelische Reife erst ermöglichen. Insbesondere die Sinnesmodalitäten werden auf ihre Relevanz für die Entwicklung mathematischer Fähigkeiten untersucht. Schuberth geht der Frage nach, zu welchen Verinnerlichungsprozessen das Kind im handelnden Umgang mit der Welt befähigt wird. Umgekehrt ist dann zu fragen, welche Leibesprozesse bestimmte Verinnerlichungen nicht zulassen. Die Untersuchungen werden in Kooperation mit Förderlehrerinnen mehrerer Waldorfschulen gemacht.

Während der jährlich stattfindenden Förderlehrertagungen und in direkter Einzelförderung mit Kindern werden Konzepte der Nachreifung der Leibessinne erarbeitet.

5.2 Förder- und Entwicklungsplanung (2008-2012)

Die Förder- und Entwicklungsplanung gehört zum Standard heilpädagogischen Handelns. Es soll durch die Entwicklung offener Konzepte verhindert werden, dass sonderpädagogische Diagnostik Kinder lediglich auf ihre Defizite festlegt, Bildungswege zementiert und damit von vorn herein Entwicklungen blockiert.

Anthroposophisch-heilpädagogische Schulen haben sich historisch auf der Grundlage einer allgemeinen Pädagogik entwickelt [1]. Die Heilpädagogik wurde bereits 1924 von Rudolf Steiner als Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik bezeichnet. Letztlich ist das entwicklungsalterorientierte Waldorf-Curriculum, das auch den heilpädagogischen Schulen als Grundlage dient, Ausdruck dieses pädagogischen Ansatzes. 

Das besondere diagnostische Verfahren, das in allen waldorf- und anthroposophisch-heilpädagogischen Schulen verwendet wird, ist die Kinderkonferenz. Sie ist ein phänomenologisch-hermeneutisches Verfahren, das versucht, kindliches Sein in seinen leiblichen, seelischen und geistigen Facetten erfahrbar zu machen. Die Forschungsfrage lautet nunmehr, ob dieses Verfahren valide Auskünfte über kindliche Entwicklungsmöglichkeiten geben kann.

5.3 Gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Förderbedarf (2006-2010)

Die aus der Waldorfpädagogik hervorgegangene schulische anthroposophische Heilpädagogik fußt auf dem entwicklungspsychologischen Paradigma eines grundsätzlich gemeinsamen Erlebnisalters aller Kinder. Sie versteht sich, und wird auch in der Literatur verstanden, als eine allgemeine Pädagogik, welche die Grundlage gemeinsamer schulischer Förderung von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichem Förderbedarf bildet. Regel-Waldorfschulen unterrichten als Gesamtschulen ebenso wie integrative Waldorfschulen und auch heilpädagogische Schulen in Jahrgangsklassen Kinder mit je unterschiedlichem individuellen Entwicklungs- und Förderbedarf. Die gemeinsame Unterrichtung erfolgt daher in diesen heterogenen Lerngruppen multimodal und mehrdimensional. Dieser pädagogische Ansatz, der bereits mehrfach dokumentiert [2] wurde, wird weiter in den unterschiedlichen Ausprägungen schulischer Praxis erforscht.

5.4 Internationale Vergleiche heil- und sonderpädagogischer Förderansätze (seit 1994)

Die Waldorfschulbewegung und die anthroposophisch-heilpädagogische Bewegung sind international vernetzt. In den letzten Jahren haben sich die Kontakte aus der Praxisebene in die Universitäten hinein weiterentwickelt.

Mit der Comenius-Universität Bratislava haben sich auf studentischer Ebene erste Kontakte ergeben. Es wurden aus der Reihe Heilen und Erziehen Beiträge ausgewählt und in drei Bänden ins Slowakische übersetzt.

Mit der M. A. Sholokova-Universität Moskau wurde der Arbeitskontakt im Jahr 2008 in einer Konferenz in Moskau vereinbart. Dieser ist insbesondere deshalb von Bedeutung, als in der Moskauer Fakultät sowohl Vertreter einer geisteswissenschaftlich orientierten Heilpädagogik als auch Vertreter einer materialistischen Behindertenpädagogik zu finden sind. Hier wird die Arbeit darin liegen, zunächst eine gemeinsame Begrifflichkeit zu finden. Die Form möglicher Veröffentlichungen wurde besprochen. Erste Beiträge wurden bereits ins Russische übersetzt und werden in einer von der Universität herausgegebenen Zeitschrift publiziert (2009).

6. Projektplanung und Produktplanung bis 2012

6.1 Heilpädagogik im internationalen Vergleich (Buchprojekt, Erscheinen vorgesehen für 2010, G. Kaschubowski)

Auf Grundlage der erweiterten Kooperation im Rahmen des Projektes Heilpädagogik im internationalen Vergleich (s. o.) ist für 2010 das Erscheinen einer Monographie vorgesehen, die –über die Tagungsbände hinausgehend –eine integrierte Darstellung der Projektergebnisse anstrebt.

6.2 Gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Förderbedarf (Buchprojekt, Erscheinen vorgesehen für 2010, G. Kaschubowski)

Die Ergebnisse des o. g. Projekts zur gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Förderbedarf sollen 2010 in eine Neuauflage des Buches von einfließen.

6.3 Förderplanung (Buchprojekt, Erscheinen vorgesehen für 2012, G. Kaschuboski, T. Maschke)

Die Arbeiten zur Förderplanung, die bereits in einer ersten Monographie [Diss. Maschke] dokumentiert sind, sollen bis 2012 in einer umfassenden Darstellung der Forschungsergebnisse und pädagogischen Konsequenzen bearbeitet werden.

7, Veröffentlichungen zu Arbeitsbereichen des Instituts (Auswahl)

Maschke, Thomas: Integrative Aspekte der anthroposophischen Heilpädagogik in Theorie und schulischer Praxis. Eine Studie unter besonderer Berücksichtigung der Unterrichtspraxis an der Kaspar-Hauser-Schule Überlingen, Frankfurt/M., u. a. 2008.

Rüdiger Grimm/Götz Kaschubowski (Hrsg): Kompendium der anthroposophischen Heilpädagogik, München 2008.

Maschke, Thomas: Heilpädagogischer Unterricht –oder: Wie Unterricht individuelle Entwicklung fördern kann, in: Grimm, Kaschubowski, (Hrsg.) 2008.

Götz Kaschubowski: Anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie –ein eigenes Paradigma? In: Grimm/Kaschubowski 2008.

Götz Kaschubowski: Von den Klassikern lernen. In: Jürgens, Dietmar: Verstehen und Helfen, Zur Einheit von Diagnostik und Förderung, Luzern 2008.

Maschke, Thomas: Týzdnový projekt v skole Kaspara Hausere v Überlingene ako prílad prevenice náslia v skole, in: Klein, Ferdinand (Hg.): Liecenie a výchova 3, Zilina (SK) 2007

Kaschubowski, Götz (Hrsg): Struktur und Kultur –Dilemma oder Quelle fruchtbarer Aus-einandersetzung? Luzern 2006.

Maschke, Thomas: Die Projektwochen an der Kaspar-Hauser-Schule Überlingen als Beispiel für Gewaltprävention in der Schule, in: Kaschubowski (Hrsg.) 2006.

Maschke, Thomas: Der Zusammenhang von Unterricht und Entwicklung der Schüler am Beispiel von Lesen, Schreiben und Formenzeichnen in der Unterstufe, in: Zeitschrift Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie, Heft 1, 24. Jg., Dornach CH 2005

Maschke, Thomas: Veränderungen in der heil- und sonderpädagogischen Diagnostik, in: Gäch, Angelika (Hrsg.): Phänomene des Wandels. Wozu Heilpädagogik und Sozialtherapie herausgefordert sind, Luzern 2004.

Maschke, Thomas: Samtale med paedagogisk radgiver Mathias Wais in: Zeitschrift Nesthus, Heft 2, 15.Jg., St. Hans 2002.

Kaschubowski, Götz: Heilen und Erziehen –Eine Einführung in die anthroposophische Heilpädagogik. In: Zeitschrift Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 6/2000.

Kaschubowski, Götz: Die Behinderung wird zu einer Variation menschlichen Daseins auf der individuellen Ebene. In: Zeitschrift Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft 6/2000.

Maschke, Thomas: Patrick ‚einordnen’–Müssen wir das? In: Zeitschrift foyer, Heft 7 (Thema: fürs Leben lernen), Überlingen 2000.

Maschke, Thomas: Intuition als individuelle Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit in der Heilpädagogik (Tagungsbericht Heilen und Erziehen 4), in: Zeitschrift Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie, Heft 1, 19.Jg., Dornach (CH) 2000.

Maschke, Thomas: Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit unterschiedlichem Förderbedarf. Methodisch-didaktische Notwendigkeiten und Chancen beim Unterrichtsprojekt `Hausbau´ in einer 3.Klasse, in: Zeitschrift Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaf,t Heft 6, 23. Jg., Graz (A) 2000.

Maschke, Thomas: Im Gespräch mit dem Erziehungsberater Mathias Wais, in: Zeitschrift Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie Heft 1, 21.Jg., Dornach 2002.

Kaschubowski, Götz / Maschke, Thomas: Gemeinsamer Unterricht verhaltensauffälliger und lernbehinderter Schüler. Unterricht auf der Grundlage der anthroposophischen Heilpädagogik, in: Schmetz, Ditmar / Wachtel, Peter (Hrsg.): Sonderpädagogischer Kongress 1998: Entwicklungen –Standorte –Perspektiven, Würzburg (vds) 1999.


[1] Maschke, Thomas: Integrative Aspekte der anthroposophischen Heilpädagogik in Theorie und schulischer Praxis. Eine Studie unter besonderer Berücksichtigung der Unterrichtspraxis an der Kaspar Hauser Schule Überlingen; Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bruxelles ,New York, Oxford, Wien (Peter Lang) 2008.

[2] Kaschubowski / Maschke 1999; Maschke 2000; Maschke 2008, a. a. O.