
Historie der Freien Hochschule
Warum eine neue Lehrerbildung?
Die
starke Nachfrage nach mehr Waldorfschulen in Deutschland, die seit dem
Ende der 1960er Jahre von etwa 23 zu heute beinah 200 Schulen (weltweit
über 1000) führte, ließ die Frage nach ausgebildeten Waldorflehrern
immer drängender werden. Die schon 1919 mit der Begründung der ersten
Waldorfschule in Stuttgart begonnene Lehrerbildung und die nach dem
Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommene seminaristische Ausbildung,
konnte den Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. So entstand 1973 in
Witten ein zweites Vollzeitseminar und 1978 in Mannheim die Freie
Hochschule für anthroposophische Pädagogik (damals Freies Pädagogisches
Zentrum für Waldorfpädagogik e.V.). Ermöglicht wurde diese Gründung
durch Kontakte, die Dr. Benediktus Hardorp zur Karl Kübel-Stiftung in
Bensheim besaß und durch die Bereitschaft von Prof. Ernst Schuberth,
seine Professur in Bielefeld zu Gunsten der Neugründung aufzugeben. Der
Karl Kübel-Stiftung wurde auf deren Bitte eine Projektbeschreibung
vorgelegt, welche die Arbeit der künftigen Hochschule mit drei
Schwerpunkten beschrieb:
Diese drei Arbeitsbereiche bilden bis heute die Grundstruktur der Freien Hochschule.
Bildungsökonomie
Der
Arbeitsbereich Bildungsökonomie hat im Bund der Freien Waldorfschulen
unter anderem die wichtige Aufgabe übernommen, eine konsolidierte
Bilanz (fast) aller deutschen Waldorfschulen zu erstellen, aus der
deren wirtschaftliche Lage, ihre Finanzierung durch Elternbeiträge, die
der öffentlichen Hand und anderes überblickt werden kann. Bis in die
Urteilsfindung des Bundesverfassungsgerichtes haben die Ergebnisse
Beachtung gefunden.
Lehrerbildung
Die
Lehrerbildung konnte im Oktober 1978 in zunächst angemieteten Räumen in
der Rathenaustraße in Mannheim aufgenommen werden. Sehr bald wurde zur
gewöhnlichen Waldorflehrerausbildung die Ausbildung von Lehrern an
heilpädagogischen Schulen hinzugenommen. Maßgeblich dabei waren
einerseits die Erfahrungen in der Sozialarbeit und andererseits die
Tatsache, dass auch an "gewöhnlichen" Schulen von den Lehrern zunehmend
heil- und förderpädagogische Kenntnisse verlangt werden.
Sozialarbeit
Aus dem
Ansatz, durch die Studierenden Kinder von staatlichen und
Waldorfschulen fördern zu lassen, entwickelte sich ab 1980 eine
Vollzeitbetreuung von Kindern aus sozialen Brennpunkten, die
insbesondere bei der Vorschulförderung und dann beim Übergang in die
Schule außerordentlich erfolgreich tätig ist. (Aus den von der Stadt
prognostizierten 40 % Sonderschülern aus dem betreuten Klientel sind
real weniger als 5 % geworden!)
Die Interkulturelle Schule
in
Mannheim-Neckarstadt, einem sozialen Brennpunkt mit hohem
Migrantenanteil, sucht seit ihrer Gründung im September 2003 in der
tätglichen pädagogischen Praxis Wege aufzuzeigen, die diese Lage zu
ändern geeignet sind. Dabei arbeitet das Kollegium mit einem Konzept,
das einerseits auf bewährten Grundlagen der Waldorfpädagogik beruht,
andererseits Innovationen einbezieht, die mit der besonderen
Aufgabenstellung zusammenhängen: ein ganztätiges Unterrichtsangebot,
Projektarbeit, Einzelförderungen, ein internationales Lehrerkollegium
und das neu entwickelte Unterrichtsfach "Begegnungssprache", das es den
Migrantenkindern ermölicht, ihre Muttersprache zu praktizieren und den
deutschen Kindern näher zu bringen. Das im Herbst 2004 beauftragte
Intitut für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung München kam im
ersten Zwischenbericht zur Evaluation u. a. zu folgendem Fazit:
Die
Elternschaft unterstützt das interkulturelle und waldorfpädagogische
Konzept der Schule und engagiert sich aktiv bei der Schulgestaltung.
Die Schule entspricht
in hohem Maße den nach aktuellem wissenschaftlichen Stand erforderlichen Vorstellungen von einer interkulturell und sozialsintegrativ arbeitenden pädagogischen Einrichtung.
Standort der Freien Hochschule
Nochmals
zurück zu den Anfängen. Der 1978 mit etwa 20 Studenten begonnene
zweijährige Kurs wurde 1979 durch einen zweiten Kurs ergänzt. Zu den in
der Rathenaustraße 11 in Mannheim gemieteten Räumen mussten bald
weitere Räume gefunden werden, da die starke Nachfrage die Kurse
wachsen ließ, die heilpädagogische Lehrerbildung hinzukam und durch das
sich vergrößernde Kollegium Fachräume für die praktische und
künstlerische Arbeit erforderlich wurden. Nach vier Jahren wurde 1982
die Kündigung des Gebäudes in der Rathenaustraße wegen Eigenbedarfs
durch den Besitzer ausgesprochen, so dass eine neue Unterbringung
gesucht werden musste. Der Vorstand fasste den Beschluss, auf einem von
der Stadt angebotenen Gelände ein eigenes Gebäude zu errichten. Motiv
des zuständigen Bürgermeisters für den Standort an der B38
(Exerzierplatz) war: Errichten Sie ein für die Menschen, die von Norden
nach Mannheim hereinfahren, interessantes Gebäude. Zahlreiche Besucher
haben uns ihren positiven Eindruck ausgesprochen.
Heute studieren an
der Freien Hochschule über 160 Studierende aller Fächer und Schulstufen
in ein- bis fünfjährigen Studiengängen.
Finanzierung
Die in der
Anfangsphase großzügige Finanzierung durch die Karl Kübel-Stiftung
konnte nicht fortgesetzt werden. Heute finanziert sich die Freie
Hochschule zur Hauptsache aus Mitteln, welche Eltern der Waldorfschulen
für gemeinsame Aufgaben des Bundes der Waldorfschulen zur Verfügung
stellen. Etwa 20 % werden durch die niedrig gehaltenen Studienbeiträge
eingenommen. Hinzu kommen geringere Zuschüsse für die Sozialarbeit und
die Bildungsökonomie. Ein aktueller Jahresbericht kann jederzeit bei
der Freien Hochschule angefragt werden.
Rechtsform
Rechtlich ist
die Freie Hochschule für anthroposophische Pädagogik ein Verein dessen
Vorstand aus Dozenten gebildet wird. Das Kollegium bildet ein in der
Satzung beschriebenes Organ innerhalb dieses Vereins. Die Verantwortung
für die Sozialarbeit wird durch einen Untervorstand wahrgenommen, der
weitgehende Entscheidungsbefugnisse besitzt.
Neben dem Kollegium
besteht ein von der Mitgliederversammlulng gewähltes Kuratorium, in dem
Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen beratend und in
Finanzfragen kontrollierend mitwirken. Näheres beschreibt die Satzung,
die von der Freien Hochschule angefordert werden kann.
Studentische Mitwirkung
Innerhalb
des Hochschullebens spielen die Studierenden eine wesentliche Rolle in
der Selbstverwaltung und Mitgestaltung. Regelmäßige
Studentenkonferenzen mit dem Kollegium sind seit langem Standard.
Zukunftsaufgaben
Wir
betrachten die Waldorfpädagogik als modernen und zukunftsfähigen Ansatz
zur Verbesserung von Erziehung und Schule. Allen anderen Forderungen
nach Leistungsstandards, Beherrschung von Kulturtechniken,
Sprachfähigkeit usw. stellen wir die Entwicklung autonomer,
verantwortungsfähiger und verantwortungsbewusster Menschen voran. Dies
halten wir gerade angesichts der Ergebnisse aus den
bekannten Bildungsstudien für die angemessene Antwort. Nicht das
Hintrimmen auf Leistungsstandards mit den immer notwendigen
Versagerquoten, sondern die Förderung aller Kinder zu selbstbestimmtem
und verantwortungsvollem Handeln ist, was die Kinder und Jugendlichen
in Einklang mit ihren Zukunftszielen und Zukunftshoffnungen empfinden
und was als grundlegende Haltung in allen Lebensbereichen gefordert
wird. Es muss in Zukunft möglich werden, dass die Stimme der
Waldorfschule in bildungspolitischen Diskussionen gehört und
berücksichtigt wird. Hier liegen Zukunftsaufgaben.
Neue Formen der Lehrerbildung
Die
Lage von Hochschulen in freier Trägerschaft in Deutschland ist
gesellschaftlich noch weniger abgestützt als im Schulbereich. Die Wahl
einer Freien Hochschule als Studieneinrichtung wird gegenüber den
Schulen in staatlicher Trägerschaft durch notwendige Studiengebühren
belastet. Bildungsgutscheine könnten die Wettbewerbsverzerrung mildern.
Die Lehrerausbildung ist in Deutschland, vornehmlich in
Baden-Württemberg, außer im Bereich der Waldorfpädagogik durchgehend
an staatliche Lehramtsstudiengänge mit den zugehörigen Prüfungsämtern
gebunden. Dies macht die Lehramtsstudiengänge unflexibel gegenüber
anderen Studiengängen. Neue Formen der Lehrerbildung sind in der
Diskussion. Die Freie Hochschule möchte sich an diesen Diskussionen
beteiligen. Beschlossen wurde zunächst ein im Laufe des Jahres
durchzuführender Akkreditierungsprozess. Die heute noch in großer Ferne
liegende Hoffnung richtet sich darauf, eines Tages auch Lehrer für
Schulen in staatlicher Trägerschaft ausbilden zu können und so den
ganzheitlichen Ansatz der Waldorfpädagogik viel breiter als heute für
alle Kinder fruchtbar machen zu können.
Stand März 2003/06