Was ist anthroposophische Heilpädagogik?

 

Anthroposophische Heilpädagogik geht davon aus, daß der individuelle Wesenskern auch im sogenannten “behinderten” Menschen als gesunde Geistgestalt vorhanden ist. Aus einer vorgeburtlichen Existenz bringt jede Individualität Anlagen mit, mit denen sie im Erdenleben wirkt und ihre Fähigkeiten erweitert; die Entwicklungshemmnisse liegen in der leiblichen und psychischen Konstitution. Die individuelle Persönlichkeit ist somit weder allein abhängig von genetisch vererbten Voraussetzungen, noch ist sie nur vom Milieu bedingt. Es wird nun darauf ankommen, ob ein Mensch die schützenden Hilfen erfährt, trotz erschwerter Bedingungen sich entfalten und reifen zu können. Das notwendige Erwerben von Fähigkeiten ist zugleich Anlaß, seelische Reifungsprozesse anzuregen und zu ermöglichen.


Arzt und Lehrende arbeiten zusammen

Der Arzt wird mit allen angrenzenden therapeutischen Bereichen helfen können, die Lebensbedingungen zu erleichtern, und der seelisch-geistigen Entwicklung Wege bahnen. Für Erzieher und heilpädagogische Lehrer stellt sich die Aufgabe, die oft verschütteten oder gestörten Seelenkräfte zu stärken und der gesunden Individualität Nahrung zu geben. Es gilt, Mut und Vertrauen zu wecken, trotz der Hemmnisse Entwicklungsschritte machen zu wollen.


Wie sieht die Unterrichtspraxis aus?

Auch für den heilpädagogischen Lehrer bildet der Lehrplan für Waldorfschulen die Grundlage für die schulische Förderung. Der heilpädagogische Lehrer wird aber auswählen, welches Stoffgebiet in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt heilend wirken kann. Im Blick auf die jeweiligen Fähigkeiten der Kinder wird er den Stoff modifizieren und künstlerisch umgestalten. Besondere Bedeutung kommt neben allem lebenspraktischen und handwerklichen Tun dem sprachlichmusikalischen Üben zu, ebenso dem Malen, Plastizieren und der Eurythmie. Lehrer und Kinder bewegen sich in einem gemeinsamen schöpferischen Raum, der Lehrer eher anleitend, der Schüler eher nachahmend. Auch in der Unterrichtsmethodik wird somit der Individualität Raum zu freier Entfaltung gewährt.


Entwicklung der Fähigkeiten bei Schülern und Lehrenden

Die intellektuellen Fähigkeiten bleiben lange oder fast ganz in den Kindern verborgen. Doch durch eine geführte Gemüts- und Willensschulung erwachen sie oft in erstaunlicher Weise. Der Lehrer kann aber nur vermitteln, was er sich durch Übung und Selbsterziehung erworben hat; Wege dazu werden in der Ausbildung aufgezeigt.